Wer in Kibera aufwächst, kommt trotz Talent und Ehrgeiz selten an eine Hochschule oder in eine IT-Ausbildung. Selbst ein Studium garantiert noch keinen Arbeitsplatz. Das liegt an der Gegend: Kibera ist eines der größten Slums Afrikas und befindet sich in Nairobi, der Hauptstadt Kenias. Wo es schon am Nötigsten fehlt, bleibt oft auch die Bildung auf der Strecke – und damit die Perspektive auf eine bessere Zukunft.
Mit einem Bildungszentrum vor Ort wollen wir das ändern. Über kostenlose IT- und Business-Kurse soll es den Bewohnern ermöglicht werden, eigene Geschäfte zu gründen sowie Webseiten und andere IT-Infrastrukturen aufzubauen. Ziel ist es, Arbeitsplätze zu schaffen, die Wirtschaft vor Ort zu stärken und somit Armut nachhaltig zu bekämpfen. Geplant und umgesetzt haben wir das Projekt gemeinsam mit den gemeinnützigen Organisationen Liberating Education Organization (LEO) und RealStars Kenya.
Die Einrichtung entstand aber alles andere als geplant...

Wie das Projekt entstand
Mit LEO fing alles an
Manchmal braucht es nur eine Anfrage und etwas Glück, damit etwas Großes entsteht. So war es auch hier. LEO entschied sich bereits zu Beginn ihrer Initiative für uns als Hosting-Anbieter. Je größer ihre Projekte aber wurden, desto mehr gerieten sie finanziell unter Druck. Also nahmen sie Kontakt mit uns auf, um über eine mögliche Partnerschaft zu sprechen. Erstmal nichts Ungewöhnliches. Als das junge Team uns aber ihr Konzept vorstellte, waren wir beeindruckt – von der Idee, ihrem ehrenamtlichen Engagement und vor allem davon, was sie in so kurzer Zeit bereits auf die Beine gestellt hatten.
Die gemeinnützige Organisation wurde 2023 von den zwei jungen Studenten Konstantin Kölmel und Nils Rauscher gegründet – beide damals gerade mal Anfang 20.
Wir haben während der Corona-Zeit online studiert und uns die Frage gestellt, wieso dies nicht die Lösung für die Ungerechtigkeit in der weiterführenden Bildung sein könnte. Junge Menschen brauchen jedoch auch einen Ort zum Lernen und so entwickelten wir das Hybrid-Konzept.Konstantin Kölmel, CEO & Co-Founder, Liberating Education Organization
Heute betreibt die Organisation elf Lernzentren in fünf Ländern und hat bereits mehr als 3.000 Menschen ausgebildet – unter anderem in Kenia, Indien und im Irak.
Überzeugt von den Jungs und ihrer Einsatzbereitschaft wollten wir mehr tun, als nur Server bereitzustellen. Zu diesem Zeitpunkt haben wir aber noch nicht damit gerechnet, dass wir eine Bildungseinrichtung in Kibera eröffnen würden.
Ein glücklicher Zufall: Wie RealStars Kenya ins Spiel kam
Während wir mit LEO in Kontakt waren, war gerade eine alte Bekannte an unserem Hauptstandort Gunzenhausen zu Besuch: Rose Munyiva Muiu von RealStars Kenya.
RealStars ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Nairobi, die wir bereits seit Langem unterstützen und deren Arbeit wir sehr schätzen. Sie steht Kindern aus benachteiligten Familien zur Seite und begleitet sie bis zur Secondary School, einer weiterführenden Schule für Kinder und Jugendliche bis zu einem Alter von circa 17 Jahren.
Wir fanden, beide Vereine verfolgen ein ähnliches Ziel – warum nicht zusammenarbeiten? Also beschlossen wir, alle an einen Tisch zu holen. Nach einem gemeinsamen Videogespräch waren wir uns einig: Wir möchten gemeinsam etwas bewegen. Aber was genau?
Nach einigem hin und her überlegen, kam uns ein Gebäude von RealStars in Kibera in den Sinn. Mit diesem renovierungsbedürftigen, aber prinzipiell nutzbaren Gebäude, nahm unsere Idee langsam Gestalt an. Auch LEO kannte Kenia gut, sie haben dort bereits mehrere Bildungseinrichtungen eröffnet. Warum also nicht gemeinsam ein Bildungszentrum in Kibera aufbauen?
LEO lieferte uns einen Plan für nötige Kosten und das Lernkonzept. RealStars gab uns grünes Licht für das Gebäude und Unterstützung vor Ort. Dafür haben wir die Kosten für Umbau, Hardware und Einrichtung übernommen – und natürlich die benötigte IT-Infrastruktur. Besonders der Standort Kibera freute uns, da dort eine Bildungseinrichtung dringend benötigt wird.

Hier trafen sich LEO und RealStars Kenya zu ersten Besprechungen in Nairobi
Kibera: Eines der größten Slums Afrikas
Viele Menschen in Kibera bewohnen Hütten aus Lehm, Holz oder Wellblech – Familien leben auf engstem Raum und unter schwierigen Bedingungen zusammen. Nicht alle Haushalte haben fließend Wasser, ausreichend sanitäre Einrichtungen oder eine zuverlässige Stromversorgung.
Zahlreiche Bewohner sind einkommensschwach und können sich Schulmaterialien oder andere Ausgaben für den Schulbesuch ihrer Kinder kaum leisten – geschweige denn einen Studiengang finanzieren. Wir möchten dort helfen, wo Menschen Hilfe am dringendsten brauchen – und das ist hier eindeutig der Fall.

Vom einfachen Raum zum Bildungszentrum
Den Bau des neuen Gebäudes erlebten wir als abenteuerliche Reise. Was nur als kleiner Ausbau des bestehenden Gebäudes geplant war, entwickelte sich schnell zu einem komplexen Unterfangen. Mit viel Engagement aller Partner und lokalem Improvisationstalent schafften wir es gerade rechtzeitig zur Eröffnung.Konstatin Kölmel, CEO & Co-Founder, Liberating Education Organization
Nach monatelangen Vorbereitungen konnten die Bauarbeiten Anfang April 2026 endlich beginnen. LEO, RealStars und Helfer aus dem Viertel packten gemeinsam an. Der Ausgangspunkt war ein Raum mit einem einfachen Plastikdach, der weder für empfindliche Geräte noch für konzentriertes Lernen geeignet war. Lokale Handwerker zogen eine feste Decke ein, erneuerten die Stromversorgung und kümmerten sich um Fliesen und Anstrich.
Anschließend folgte die technische Ausstattung: Internetzugang, ein EcoFlow-System zur Absicherung bei Stromausfällen, ein großer Bildschirm mit Whiteboard. Dazu kamen Beamer, Drucker, Headsets, Webcams – alles, was eine moderne Bildungseinrichtung eben so braucht, inklusive Meetingsystem für Live-Sessions.

Passend dazu erhielt ENSoXX hilft e.V., unser gemeinnütziger Verein, eine großzügige Spende der Stadt Gunzenhausen: 136 Laptops, die dort nicht mehr benötigt wurden, aber noch vollständig funktionsfähig waren. Die Spende kam genau zur richtigen Zeit. Wir haben die Geräte aufbereitet, mit neuen Festplatten ausgestattet und anschließend nach Kenia geschickt.
Am 3. Juni 2026 war es dann endlich so weit: Die leitende Führungskraft der Einrichtung, das Team von RealStars und die ersten Interessierten kamen zur feierlichen Eröffnung zusammen. Wir waren stolz auf das Ergebnis und sind es auch heute noch. Ganz fertig war das Gebäude allerdings noch nicht, einige Fliesen mussten noch verlegt werden. Das störte aber kaum – der erste gemeinsame Lerntag konnte problemlos stattfinden.

Mich berührt ganz besonders die Geschichte einer jungen alleinerziehenden Mutter, die bereits zur Centereröffnung ins Zentrum kam. Die Studentinnen und Studenten des Centers nahmen sich ihr und dem Kind sofort an und unterstützten sich gegenseitig bei der Betreuung des Kindes, sodass die Mutter lernen kann.Konstantin Kölmel, CEO & Co-Founder, Liberating Education Organization
Das Lernkonzept
Einer der Kerngedanken des Projekts ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Die Teilnehmer lernen, wie ein Unternehmen funktioniert und welche Fähigkeiten sie brauchen, um eigene Geschäftsideen umzusetzen.
Lokale Mentoren und Lehrkräfte betreuen die Teilnehmer im Präsenzunterricht in den modernen Lernräumen vor Ort. Beispielsweise lernten sie im August in sogenannten „Self-Discory-Sessions“, ihre Stärken und Interessen zu erkunden. Den Großteil der Fachinhalte liefern aber Online-Kurse: Darin geben Professoren, Unternehmer und Experten ihr Wissen aus der Praxis weiter. Kooperationen mit angesehenen Universitäten wie dem KIT (Karlsruher Institut für Technologie), der WHU (Otto Beisheim School of Management) und William & Mary aus den USA halten den Lehrplan auf einem hohen universitären Niveau.

Im Mittelpunkt steht der sogenannte „Entrepreneurship Track“. Das 35-wöchige Programm beginnt mit sechs Wochen Onboarding: digitale Grundbildung, Persönlichkeitsentwicklung und eine Challenge, in der die Lernenden Probleme erkennen und passende Lösungsansätze entwickeln. Darauf folgen unternehmerische Grundlagen und ein erstes Wahlmodul; ab der 23. Woche können sie sich spezialisieren.
Seit der Eröffnung haben 153 junge Menschen das Zentrum genutzt oder nehmen aktuell an Angeboten teil. Die laufende Kohorte umfasst derzeit 58 Studierende. Zentrumsmanager Harrison Muiundi stellt das Angebot in Communities und Organisationen in Kibera vor und macht weitere Interessierte auf die Kurse aufmerksam.
Bildung für mehr Chancen
Was sich dabei verändern kann, zeigt ein Gedanke aus der Arbeit mit den Lernenden: Aus dem Wunsch, Taschen zu verkaufen, wird die Überlegung, eine eigene Produktion aufzubauen. Solche Ideen sind ein erster Schritt, um die eigene berufliche Zukunft aktiv zu gestalten.
Die IT-Kurse beginnen mit den Grundlagen der Webentwicklung und bauen darauf auf. Ziel ist, dass die Teilnehmer später eine kleine Webagentur gründen oder das Hosting für einen Betrieb aus der Nachbarschaft übernehmen könnten. So entstehen aus dem erworbenen Wissen eigene Unternehmen und neue Arbeitsplätze.
Gerade in den letzten Tagen traf ich einen unserer Students, der unsere Kurse besucht, der nun eine eigene Schule-Management-Plattform entwickelt und programmiert hat. Er konnte bereits mehr als fünf Schulen als Kunde gewinnen.Konstantin Kölmel, CEO & Co-Founder, Liberating Education Organization
Ein Teilnehmer aus einer anderen LEO-Einrichtung zeigt auch, wie das aussehen kann: Er hat mit seinem neu erworbenen Wissen einen eigenen Sneaker-Store eröffnet, schuf damit Arbeitsplätze für Familie und Freunde und stärkt damit die Wirtschaft an seinem Standort.
Unser Bildungszentrum entwickelt derweil weitere Geschäftsideen. Gleichzeitig arbeitet LEO daran, wie Absolventen bei der Gründung und Finanzierung eigener Unternehmen begleitet werden können. Das nächste Ziel ist, das Zentrum dauerhaft mit zwei parallel laufenden Gruppen auszulasten und die Programme weiterzuentwickeln.
Als Nachweis ihrer erworbenen Kenntnisse erhalten die Teilnehmer Zertifikate des KIT und eine Bestätigung für den Abschluss des Programms. Außerdem führt LEO Gespräche über eine staatliche Akkreditierung in Kenia.

Eine Perspektive, die bleibt
Ob das Bildungsangebot langfristig erfolgreich ist, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen: wenn aus Teilnehmern Unternehmer werden und sie kleine lokale Geschäfte gründen. Und darin liegt auch die größte Chance des Centers: nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern Perspektiven zu schaffen, die bleiben.
Hier findest du mehr Informationen über die Arbeit von:
LEO: https://liberatingeducation.org/
RealStars Kenya: https://www.realstarskenya.com/



